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Food for thought about criticism

Author:
Hellmuth ten Siethoff
Original title:
Denkanstösse zum Thema Kritik
Type:
Syllabus
Language:
German
Year:
1990
Pages:
3
Subject:
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DENKSANSTOESSE ZUM THEMA
KRITIK
Eines der wesentlichsten Probleme der Gemeinschaftsbildung ist
die Kritik. Jeder weiss es besser. Was der andere tut ist
daneben, falsch oder ein Blödsinn. Dass uns diese Kritik nicht
weiter bringt, sondern nur verletzt, ist bekannt und doch ist es
sehr schwierig seine Kritiklust zu bezwingen. Oft verhalten sich
Menschen in einer Gemeinschaft nach dem Prinzip:" Tust Du mir
nichts, tue ich Dir auch nichts".Hinter den Kulissen wird jedoch
trotzdem kritisiert.
Kritik sagt eigentlich nichts anderes aus, als dass Derjenige,
der kritisiert erkennbar macht, dass seine Wahrnehmung nicht in
Vebereinstimmung ist mit seinen Masstäben oder Vorstellungen.
Die Kritik sagt also nur etwas aus über Denjenigen der
kritisiert.
Rudolf Steiner formulierte es einmal so:*" Kritisiere nicht, -
nicht dass man nicht kritisch sein soll -, sondern beobachte den
Andern, um daraus zu lernen und festzustellen, ob man auch so
handeln könnte oder eben nicht“. In seiner Philosophie der
Freiheit, im XII. Kapitel wird es so formuliert: "Leben in der
Liebe zum (eigenen) Handeln und Leben lassen im Verständnisse
des fremden Wollens, ist die Grundmaxime des freien Menschen."
Kritik hat mit Antipathie zu tun. Je stärker die Äntipathie,
desto stärker die Kritik. (Hass macht blind, Liebe macht
blind .)
. Der Gegenpol der Kritik ist die Kritiklosigkeit, ein Zuviel an
Liebe, wodurch die Schatten des Andern nicht gesehen werden.
Ein Ideal wäre, den anderen Menschen mit der Objektivität eines
mathematischen Problems, in seinem Herzen mittragen zu können.
Das heisst, seine Stärken und Schwächen (beide) zu sehen, ohne
die Liebe zu ihm zu verlieren. Die Liebe bekommt dann etwas
Objektives, die Stärken und Schwächen eines Menschen, sein
Schicksal, das man nicht beurteilen kann.
In der Kritik können wir verschiedene Ebenen wahrnehmen, worauf
sich die Kritik richtet. Die äusseren Handlungen und Taten, die
Art und Weise wie Jemand sich organisiert, wie er seine Arbeit
erledigt, sein Verhalten oder die Grundeinstellung zum Leben und
zu anderen Menschen. Wenn kritisiert wird, muss darauf geachtet
werden welche Ebene angesprochen wird und wie sie angesprochen
wird. Nicht durch Fakten untermauerte Interpretationen sind
gefährlich.
Wesentlich ist, sich davon bewusst zu sein, dass man sich beim
Kritisieren, wie auch beim Loben, in eine überhebliche Position
versetzt. Man legt Masstäbe am andern an. Man be-urteilt, oder
ver-urteilt sogar. Wir müssen lernen von der Fremdbeurteilung
zur Selbst-beurteilung zu kommen. Damit wird die
Selbstverantwortung entwickelt. |

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Wie können wir positiv mit Kritik umgehen _?
1. Ich muss mir davon bewusst werden, dass im Sozialen, der
andere Mensch für mich immer ein Spiegel ist. Was nehme ich
darin wahr und wie gehe ich damit um ? Im Moment wo ich im
anderen Menschen etwas zu kritisieren habe, ist es oft so, dass
ich in ihm etwas wahrnehme das ich in mir selber auch habe, aber
(noch) nicht wahrnehmen konnte, oder wollte. (Ich kann nur sehen
was ich kenne.)
2. Ich erlebe Schmerz, wenn ich kritisiert werde. ("Ich habe
es doch gut gemeint, und vielleicht bin ich auch ernsthaft der
Meinung, dass ich es gut gemacht habe.”)
Die verschiedenen Aspekte unserer Seele, beeinflussen unsere
Wahrnehmung und färben unsere Urteile in einer bestimmten Art.
A. Durch meine Empfindungsseele nehme ich den anderen
Menschen hierarchisch wahr, als "Obertan" oder "Untertan”.
(Die Empfindungsseele wurde in der aegyptisch-babylonischen
Kulturepoche entwickelt.)
B. Durch meine Verstandes-Gemütsseele nehme ich den anderen
Menschen wahr als Verhandlungspartner , der mir sympathisch
oder antipathisch ist. (Die Verstandes-Gemütsseele wurde in der
griechisch-römischen Kulturepoche entwickelt.)
C. Durch meine Bewusstseinsseele_ nehme ich den anderen
Menschen als Konkurrenten wahr, als Mitbewerber, als
individuelles Ich im sozialen Prozess. (Die Entwicklung der
Bewusstseinsseele hat erst mit dem 15. Jahrhundert begonnen, mit
der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft, der Technik und
dem industriellen Zeitalter.)
D. Durch mein noch erst keimhaft sich entwickelndes
Geistselbst sehe ich den anderen Menschen als ebenbürtiges
Gottesgeschöpf, mit einem eigenen Schicksal und einem eigenen
Weg den er zu gehen hat. Ich kann mich entscheiden ob ich diesen
Weg mit ihm gehen will oder nicht. (Karmisches
Panoramabewusstsein entwickeln, schon bevor man über die
Todesschwelle geht.) j
E. Aus meinem keimhaft sich entwickelnden Lebensgeist , habe
ich die Möglichkeit mich mit der Frage zu beschäftigen, wie ich
auf den andern wirke und welche Konsequenzen mein Verhalten auf
die Seele des andern hat. (Kamaloka-Bewusstsein schon vor dem
Tode entwickeln können.)
F. Sich für eine gemeinsame Aufgabe entscheiden im Sinne des
Christusimpulses, ist eine Voraussetzung für die keimhafte
Entwicklung des Geistesmenschen. Damit wird zukünftiges Karma
(Schicksal) geschaffen, das Menschen auf eine ganz andere Art
miteinander — auch in der physischen Welt - verbinden wird.

er
==
Das Bestehende ist aus der Vergangenheit geworden. Die Zukunft
gibt es noch nicht, diese können wir jedoch gestalten. Unsere
Urteile stützen sich normalerweise auf Werte und Normen aus der
Vergangenheit. In dem Sinne ist Kritik meist ein Urteil, das
sich auf Vergangenes stützt . Wollen wir das, was wir
wahrnehmen, nach seinen Zukunftsmöglichkeiten beurteilen , dann
müssen wir die Fähigkeit entwickeln Karma (Schicksal)
vorzuschauen. Die Möglichkeit dazu hat uns Rudolf Steiner mit
seiner anthroposophischen Geisteswissenschaft gegeben.
Kann man in einer Gemeinschaft gemeinsam auf die gewollte
Zukunft schauen, betrachtend was Jeder an Fähigkeiten und
Unfähigkeiten mitbringt - darüber anhand wahrnehmbarer Tatsachen
offen und sachlich sprechen - dann kann diese Gemeinschaft
Kräfte entwickeln, welche über die Summe der Kraft des einzelnen
Mitgliedes hinaus gehen.
Dort wo Menschen zusammenarbeiten, oder zusammen leben, müssen
gemeinsam Kriterien/Masstäbe entwickelt werden für das
Zusammenarbeiten oder Zusammenleben. Dann erst kann gemeinsam
wahrgenommen werden ob man sich daran orientiert hat oder nicht.
Gemeinschaftsbildung bedeutet, Abmachungen und Spielregeln
entwickeln worüber verhandelt werden muss, bis zur Konsens. Wird
gegen die abgemachten Regeln verstossen, muss klar sein, wie man
sich verhält. Regeln ohne Korrekturmöglichkeit sind sinnlos.
Wenn die Kriterien und Masstäbe gemeinsam angenommen worden
sind, kann Kritik ausbleiben. Es reicht, wenn man sachlich auf
das nicht einhalten der Masstäbe hinweisen kann.
Hat man sich vorher geeinigt auf die Masstäbe für eine
Beurteilung, kann bei der Beurteilung mit der Selbstbeurteilung
angefangen werden. Damit wird die Eigenverantwortlichkeit
gefördert.
Aehnliches gilt für Lob. Lob kann angenehm sein, aber müssen wir
nicht lernen selber zu wissen ob wir in unserm Verhalten, den
Masstäben entsprechen.
Wir müssen lernen, anstelle von Lob oder Kritik, sachlich,
Erfolg oder Misserfolg und sozial fruchtbares- oder sozial
unfruchtbares Verhalten, anhand gemeinsam erarbeiteten
Masstäben, darzustellen. Jeder kann daraus seine
Schlussfolgerungen ziehen.
H.J.ten $Siethoff
Mezieres, Oktober 1990
(Konzepte I-voll)