← Back to catalogue

Ethics of the coming century

Author:
Hellmuth ten Siethoff
Original title:
Die Ethik des kommenden Jahrhunderts
Type:
Article
Language:
German
Year:
1980
Pages:
3
Subject:
Article published in the “Technische Rundschau” Bern (Wöchentliche Industrie- und Handelszeitung) Nr 28

H. J. Ten Sıethorr, BWI Uni Bern, NPI Zeist NL*
Die Ethik
des kommenden Jahrhunderts
PERS NE
FrT-SOKDM.1.80.455.15.2°°
28:05
Ena«2
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!» ist doch wohl der Weckruf an die
kommende Menschheit zur Nächstenliebe und zur Selbstverwirklichung.
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!» gibt uns die liebende Kraft zur bewuß-
ten Bewältigung des industriellen Zeitalters durch:
© Nächstenliebe (Brüderlichkeit, Sozialbewußtsein)
und
© Selbstrerwirklichung (Individuation, Selbstbewußtsein)
Es geht um die Evolution des Bewußtseins, um gezielte Bewußtseinserweiterung
© in die Biographie des Ich
und
© in die Biographie des Du.
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»
Liebe ist also wesentlich dialogische Existenz, Zwiesprache in der Existenz
© mit dem «göttlich-geistigen Wesenskern des Ich» («dich selbst»);
© mit der «Mitmenschlickkeit mit andern» («deinen Nächsten»).
Das ist das Gute, das Dialogische. Das Böse ist monologisch blindes und taubes
«Kreisen um sich selbst» (das Ich allein, oder die Gruppe allein). « Es dreht sich
nur im Kreis... und tut, als ob es wäre!» Das Böse nämlich.
Der Zustand heute
Wir sprachen über den künftigen Soll-
zustand «Liebe deinen Nächsten wie
dich seibst!».
Harmonische, also sinnvolle Zusam-
menarbeit aller mit allen:
© Alles wird dann für alle besser wer-
den!
© Denn jeder liebt seinen Nächsten
wie sich selbst!
wie jedoch sieht die heutige Erdenwelt
aus? Wie ist der Zustand heute?
Heutige Symptome
@® Wir haben Krieg; nicht mehr den
Ersten oder Zweiten Weltkrieg mit
ihren klar abgegrenzten Frontli-
nien (zwischen zwei Parteien),
© sondern wir haben diffuse Kriege
rund um die Erde, keine klare
Frontlinie zwischen klar erklärten
Parteien, sondern «diffus zerstreute
Kriege und Kämpfe rund um die Uhr
und die Welt»:
© ein zunehmender Kampf vieler
° Monomanen unter sich: jeder
meint «recht zu haben», der andere
sei im Unrecht»:
© Wir haben Krieg als ein Kampf aller
gegen alle.
@ Alternativbewegungen sanierender
Art machen sich zögernd bemerk-
bar, zum Beispiel:
® harmonisch hingestimmte Technologie:
bio-dynamische Landwirtschaft (ohne
Wasser- und .'Nahrungsvergiftungen)
als ewig bewährtes Naturstoff-Recyc-
ling; Sonnenenergienutzung «vor Ort».
© Ein Suchen nach dem Geistigen. «Der
Geist weht, wo er will»; «geistige Be-
wegungen treten überall auf und in ver-
schiedenen Formen». Viele Menschen
suchen (mehr oder weniger geschickt)
Erkenntnisse. Aber sie suchen wenig-
stens. j
Symptome und ihre Ursachen
«Kampf aller gegen alle», «sanierende Al-
ternativbewegungen kommen erst zö-
gernd», «Suchen nach dem Geistigen», auf
was deuten diese symptomatischen Tatsa-
chen hin?
Deuten wir diese Lebenstatsachen, denn
sie sind die «Zeichensprache» für die see-
lisch-geistigen Einstellungen jener Men-
schen hinter den Tatsachen.
«Kampf von allen gegen alle» deutet hin
“auf:
® Ratlosigkeit. Nur der Ratiose wird ag-
gressiv oder zieht sich in Apathie zu-
rück.
® Separierung des Ichs. Fortschreitendes.
Differenzieren und Individualisieren in
Einzelmenschen: Jedes «Ich» für sich.
@ Wachsende Antipathie- oder Haßge-
fühle zwischen Menschen.
Wo haben diese Symptome ihre Ursache?
Diese Frage ist wichtig, denn die Problem-
analyse (Diagnose) gibt die Problemlösung
auch im sozialen Leben. Wie entwickelt
sich das Soziale?
Entwicklungsphasen des Sozialen
In alten Zeiten sind kleine, geschlossene
Familien- oder Stammesgruppen mit die-
sen Merkmalen:
@ Magische Naturreligion mit vielen Göt-
tern, die man sich durch Opfergaben zu
Freunden machen will, damit man
durch sie geschützt ist, sie einem helfen.
@ Wirksame Sozialkontrolle und Sozial-
lenkung: Wer gegen die Spielregel die-
ser Gemeinschaft verstößt, wird streng
bestraft, wobei die Gemeinschaft die

Gerichtsfunktion ausübt, zum Beispiel
dadurch, daß ein Mitglied totgeschwie-
gen wurde oder aus der Gemeinschaft
gestoßen und so gleichsam zum Tode
verurteilt wurde.
Es war immer die Gruppe (Gemein-
schaft) gegen das Individuum. Die Ge-
meinschaft war wichtig, das Indivi-
duum hatte sich anzupassen.
Arbeitsteilung, aufgebaut auf vermein-
ten oder wirklichen Fähigkeiten der
Mitglieder dieser Gemeinschaft.
In einer weiteren sozialen Entwicklungs-
phase schließen sich viele kleinere Ge-
meinschaften zur größeren Gemeinschaft
zusammen:
Etwas wie ein «Staat» entsteht. Zu den äl-
teren Gemeinschaften sind etwa das die
neuen Unterschiede:
© Religionen werden monotheistischer
{Buddhismus, Islam, hebräische Jahve-
Religion usw.).
Die Sozialstruktur ist hierarchisch
geordnet; und die soziale Kontrolle
und Lenkung wird weniger von der
ganzen Gemeinschaft ausgeübt: eine
bestimmte Differenzierung durch eine
Art «Polizeifunktion» entsteht: Spezia-
listen überwachen die sozialen Spielre-
geln. Gerichte mit Richtern bestrafen
nach geschriebenen Gesetzen.
© Die Arbeitsteilung organisiert sich in
Zünften (Gilden).
Alles wird besser organisiert, nicht mehr
intuitiv und spontan von der ganzen Ge-
meinschaft getragen. Daß dies möglich ist,
hängt mit Bewußtseinsänderungen in den
Menschen zusammen. Wo früher die Men-
schen noch ein direktes Erleben der Göt-
terwelt hatten und daraus sich auch den
göttlichen Gesetzen unterordneten, muß-
ten jetzt die göttlichen Gesetze durch be-
stimmte Personen in Offenbarungen er-
scheinen: schriftlich festgelegt und inter-
pretiert werden.
® Der Mensch fängt an, selbständig zu
denken und damit die Welt nach seinen
Gedanken zu ordnen.
© Die Göttergedanken werden in einen
Konkurrenzkampf mit den Menschen-
gedanken gebracht.
Wie ist es heute?
Heute hat gleichsam jeder «seine eigene
Religion». Sogar der «Materialismus»
wird oft wie eine Religion vertreten, wobei
noch keine Weltanschauung so mate-
rialzerstörerisch mit der Materie umgegan-
gen ist wie der Materialismus...
Heute versucht jeder Mensch selber, seine
Beziehung zur geistigen Welt (wenn er
glaubt, daß so etwas existiert) zu gestalten.
Immer weniger will der Mensch heute vor-
geschrieben oder gesagt bekommen, «wie
die geistige Welt ist oder für ihn sein soll».
Damit ist die Quelle der Ethik individuali-
siert, denn die Ethik kam immer aus dem
Göttlich-Geistigen, nur wird es heute indi-
viduell interpretiert. Manche Menschen
leugnen das Geistige, ohne die Inkonse-
quenz dieser «Geistleugnung» zu durch-
schauen. Wie jedes menschliche Produkt
geistigen Ursprungs ist, indem es menschli-
chen Gedanken entsprungen ist, kommt
wohl auch das «außermenschliche» (oder
«übermenschliche») aus dem Geist. Ist
überhaupt etwas Rechtes je geistlos ent-
standen? Kaum. Im Sozialen sicht es nun
auch anders aus. Die starre «Kastenstruk-
tur» wird abgebaut. Soziale Kontrolle ist
fast nicht mehr da. Die spezialisierte Poli-
zei- und Gerichtsfunktion kann uns kaum
mehr das Einhalten starrer Spielregeln ab-
zwingen. Je milder die Strafe, desto
menschlicher die Urteile, je weniger die
Angst als Bremse vor Entgieisungen. Wir
spüren, daß wir nicht zurück können und
wollen. Dogmatischen Islam empfinden
wir als Mumifizierung, erstarrt in Formen.
Bei der Arbeitsteilung sind wir immer
weitergegangen: so weit, daß wir nur noch
einen winzigen Teil der menschlichen Fä-
higkeiten beanspruchen. Der extreme Fall
ist der Fließbandarbeiter, wie er von
CHarLy CHarLin im Film «Modern Ti-
mes» dargestellt wurde. Überspezialisie-
rung! Überindividualisierung!
Die Individuation des Menschen im Reli-
giösen, in der Ethik und in der Arbeit ist
extrem geworden.
Anders gesagt: Früher wurde von den Ein-
zeimenschen noch wenig gedacht, mehr ge-
tan, wobei dieses Tun unter direktem Ein-
fluß der göttlich-geistiigen Mächte stand.
Der Mensch war mehr oder weniger «eine
Marionette an göttlichen Fäden».
Für den heutigen Menschen sind diese di-
rekten «Fäden zur Geisteswelt» durch-
schnitten.
«Pinocchio», das Märchen vom Entwick-
lungsweg zur echten Selbständigkeit des
Menschen zeigt uns:
® Auf dem Weg, «ein echter Mensch zu
werden»,
® geht man auch Irrwege.
Was aber ein guter, was ein irrer Weg ist,
kann heute nicht mehr vorgeschrieben wer-
den:
© Der einzelne Mensch sammelt Erfah-
rungen und lernt aus dem damit zusam-
menhängenden Empfinden:
© Das Erlebnis führt zum Ergebnis.
Die alte Ethik jedoch spricht noch von
«Du sollst und du sollst nicht»! Die neue
Ethik, eine Art «Philosophie der Freiheit»,
sagt jedoch:
@ «Du bist ein freier Mensch, du kannst
fast alles ungestraft machen, und/aber
ob du es machst oder nicht, liegt in dei-
ner eigenen Verantwortung.»
CHRISTIAN MORGENSTERN formulierte die
neue Ethik so:
® «Du darfst vielerlei tun; aber du mußt
wissen, daß du es dir selber antust, dei-
nem Ich.» .
Der geistig freiwerdende Mensch hat sein
eigenes Konzept «Was ist gut? Was ist
böse?» zu entwickeln. Auch das Märchen
von Rupour STEINER «Woher kommt das
Böse?» ist ein schönes Beispiel:
«Es lebte einmal ein Mann, der sarın viel
über Weltendinge nach. Es quälte sein Ge-
hirn am meisten, wenn er des Bösen Ur-
sprung kennen wollte. Da konnte er sich
keine Antwort geben. «Es ist die Welt von
Gott, so sagte er sich, «und Gott kann nur
das Gute in sich haben. Wie kommen böse
(TE) TEAMSCHERINSCME, Bern Nr.28 15. Juli 1980
Menschen aus dem Guten» Und immer
wieder sarıın er ganz vergebens; die Ant-
wort wollte sich nicht finden lassen. Da
traf es sich einmal, daß jener Grübler an
seinem Wege einen Baum erblickte, der im
Gespräch war mit einer Axt. Es sagte zu
dem Baume jene Axt: «Was dir zu tun
nicht möglich ist, ich kann es tun, ich kann
dich fällen; du mich aber nicht.» Da sagte
zu der eitien Axt der Baum: «Vor einem
Jahre nahm ein Mann das Holz, woraus er
deinen Stiel verfertigt hat, durch eine an-
dere Axt aus meinem Leib.
Und als der Mann die Rede hatt’ gehört,
erstand in seiner Seele ein Gedanke, den er
nicht klar in Worte bringen konnte, der
aber volle Antwort gab auf die Frage: «Wie
Böses aus dem Guten stammen kann».»
Das Soziale verlangt immer mehr von uns
modernen Menschen, daß wir uns aus
Eigenverantwortung an faire Spielregeln
halten:
® Die Gesellschaft kann nur funktionie-
ren im Vertrauen auf das Einhalten hu-
maner Spielregeln.
Wir haben das zum Beispiel schmerzlich
erfahren bei der Geiselnahme der US-Bot-
schaftsmitglieder in Teheran, wo die in der
modernen Welt gültigen Spielregeln kraß
verletzt worden sind.
Daß überall das humane Vertrauen zerstört
wird, ist zum Übel dieser modern und
freiwerdenden Welt geworden. Ohne ge-
genseitiges Vertrauen, ohne gegenseitige
Hilfe, ohne humane Symbiose geht es
nicht. Jeder, der ein geschenktes Vertrauen
zerstört, wirkt übel, indem er seinen ver-
krampften Egoismus einseitig auslebt:
© Ausleben des Egoismus und das «Nicht-
überschauenkönnen (oder wollen) der
Konsequenzen dieser Vertrauenstötung»
ist das Übel dieser Welt.
© Geistesfreiheit müßte im Gleichgewicht
zur Verantwortung sein:
Geistesfreiheit =
moralische Verantwortung
In der Arbeit werden wir uns immer klarer
die Frage stellen müssen: «Wie ist das mit
der Arbeitsteilung? Wie weit soll die ge-
hen? Wie-stehe ich selbst in der Arbeitstei-
lung drin? Für wen arbeite ich eigentlich?
Bin ich wie früher Selbstversorger da-
durch, daß ich nur so viel arbeite, als ich
Lohn oder Einkommen brauche, um leben
zu können und meine Bedürfnisse zu be-
friedigen? Oder will ich so viel Geld ver-
dienen, daß ich zwar die Bedürfnisse vieler
Leute befriedigen könnte, jedoch dies Geld
für mich behalte? Auf: welche Art könnte
ich meine Fähigkeiten optimal sowohl für
mich als auch für meine Mitmenschen (die
Gesellschaft) einsetzen?»
Es gibt verschiedene Möglichkeiten; es
gibt kein «Entweder/Oder»; es geht im-
mer um «Meson ariston»: um das rechte
und gerechte Maß.

© Das Gute tun wird zur individuellen
Sache;
® mit diesem sozialen Problem haben wir
uns auseinanderzusetzen.
Eine Entscheidungsfrage für eigene Taten,
eigenes Handeln und ein Entscheidungs-
probiem auch für die Umwelt, die dieses
Handeln beobachtet und beurteilt.
Nach weichen Kriterien beurteilt der
Mensch heute die Taten anderer? Frage ich
mich etwa: «Was würden die andern wohl
denken?» Oder beurteile ich nach dem,
was die «Fachleute» sagen? Oder tue ich
einfach, was mir Spaß macht? Oder bin ich
der Meinung, jeder soll tun, was er will, so-
lange ich nicht persönlich davon betroffen
bin? Oder habe ich ein Gewissen, das mich
manchmal fühlen läßt, was gut oder böse
ist, ohne daß ich recht weiß, warum? Oder
versuche ich bewußt zu durchdenken und
zu durchschauen, was die Konsequenzen
meiner oder fremder Handlungen für die
Betroffenen sind? Versuche ich aus diesem
Durchschauen der Konsequenzen abzulesen,
was Gut oder Böse ist?
RUDOLF STEINERS Märchen zeigt, wie Böses
aus dem Guten entstehen kann.
‚Wie stellt sich uns jeweils die Frage nach
Gut und Böse? Die Antwort lautet
schlicht:
@ Das Gute hilft dem Menschen und den
Menschen in ihrer Geistevolution wei-
ter:
© denn die Bewußtseinserweiterung in
sich selbst und in der Mitwelt entwik-
kelt uns.
Die Unterscheidung «Gut oder Bösen» er-
gibt sich also aus der jeweiligen Situation
in unserem Bewußtsein; wichtig ist wohl
die Frage, «wie könnte dieses oder jenes
dem betroffenen Menschen in seiner Bio-
graphie etwas weiterhelfen? Wie also kann
diese oder jene Tat mir einen Schritt
weiterhelfen in meiner Entwicklung, mei-
ner Evolution, meiner Biographie?» Man
soll sich mit seiner Biographie und mit je-
ner seiner Nächsten (deren Biographien
man beeinflußt) auseinandersetzen. Man
soll sein eigener verantwortungsbewußter
«Hüter» seiner nächsten Mitmenschen
sein. Und dieses Sich-Interessieren für den
andern Menschen, für seine Biographie
dämmt den krankhaft einseitigen Egois-
mus ein:
@® Der Mensch kann seinen wuchernden
Egoismus nur heilen, indem er sich für
des andern Menschen Biographie liebe-
voll interessiert.
Und um das zu können, müssen wir wieder
längerdauernde Gemeinschaften bilden, in
denen man sich wirklich kennenlernt, für-
einander etwas tun kann. Was nicht heißen
soll, daß man «ewig» zusammenbleiben
muß; auch hier gibt es das richtige Maß:
Nicht zu kurzfristige menschliche Kon- .
takte, die kein «Sich-kennen-Lernen» ge-
statten und gegenseitige Verantwortung zu
übernehmen verunmöglichen; aber auch
nicht unbedingt «ewig» zusammenbleiben,
denn jede Entwicklungsphase hat ihre bio-
graphische Zeit, also Anfang und Ende.
In diesen Gemeinschaften wird man das
«Sich-gegenseitig-Erziehen» lernen als
neue Form von dem, was früher die «so-
ziale Kontrolle» war. Nicht mehr der
Gruppendruck mit der strengen Strafe (das
wäre ein Rückfall), aber das Erziehungs-
gespräch, wobei man sich gegenseitig auf-
merksam macht auf die Verantwortung des
Menschen für sein Tun, doch es dem an-
dern überlassend, wie er in geistiger Frei-
heit praktisch reagiert. In diesen Gesprä-
chen soll der Mitmensch erleben, daß man
an seiner Biographie interessiert ist. Der
Ton, mit dem wir sprechen, soll die Liebe
zum Mitmenschen ausdrücken, Herzens-
wärme mit sich führen; dann wird der an-
dere vermutlich bereitwillig auf uns hören.
Zu diesem nützlichen Tun brauchen wir
gleichsam «ein lebensnahes Menschbild»,
den tragfähigen «Glauben an das Positive
im Menschen».
«Gedanken sind zollfrei», sagt man: doch
Gedanken sind Realitäten. Denke ich Ne-
gatives über einen Menschen, so wird er
dies Negative als Ausstrahlung spüren:
Negativgedanken wirken wie Pfeilge-
schosse, Positivgedanken geben liebevollen
Mut zum rechten Tun.
Unsere Gefühle können heilen oder krank
machen. Pflegt man Haßgefühle, so macht '
man sich und andere krank. Auch Gefühle
sind nicht zollfrei: sie wirken direkt auf
den andern Menschen.
Unsere Taten, unser Handeln wirkt in der
Umwelt, wirkt auf unseren Mitmenschen
und auch wieder auf uns zurück. Ich kann
durch meine Taten heilen oder zerstören.
Die Wahi steht mir oft frei. Ich kann mich
selber zerstören durch ein Übermaß an
Sex, durch Alkohol oder Drogen: durch
diese Triebhaftigkeit kann ich gleichsam
«in das Nurkörperliche hinein versump-
fen». Ich kann durch dies Versumpfen und
egoistische Vergammeln der Umwelt meine
besseren Fähigkeiten entziehen. Ich bin
dann ein Schmarotzer an der humanen Ge-
sellschaft. Das ist böse. Gut hingegen wäre
es, die gesunde Bewußtseinsentwicklung zu
fördern.
Zusammenfassung
Die ethische Frage ist zur Individualfrage
geworden. Das Individuelle hat zwei Sei-
ten:
Einerseits, indem ich nach innen mich
selbst betrachten und auf mich wirken
kann, andererseits, indem ich auf die Um-
welt wirke.
WAS ich in der Welt tue und auch WIE ich
es tue (wie ich auf meinen Mitmenschen
einwirke), ist wichtig. Im Seelischen kann
ich den Egoismus nur überwinden und an-
dern helfen bei der Überwindung ihres
Egoismus, wenn ich mich sowohl für
meine eigene als auch für die Biographie
meines Mitmenschen interessiere, beim
Denken, Fühlen und Tun soll ich mir die
Frage stellen: «Wie wirkt das auf mich?
Wie wirkt das auf den andern?» Diese in-
nere Haltung bedarf eines innerlich tief be-
gründeten und erlebten Menschenbildes
geistiger Art. Denn des Menschen Geist
hat einen guten Ursprung. Selbstdisziplin
im Denken, Fühlen und Wollen ist mög-
lich und nötig. Diese Selbstdisziplin for-
dert ständig Übung, Üben, indem man das
Denken und Fühlen prüft und lenkt und
das Tun in Übereinstimmung bringt mit
dem, was man Gutes denkt und fühlt.
Es gibt kein Licht ohne Schatten. Wollen
wir das Licht in uns finden, müssen wir
auch mutig unseren Schatten (unsere in-
nere Dunkelzone) erforschen.
(FE) TEHMMSCIERINISCHE, Bern Nr.28 15. Juli 1980
3.