FREIZEIT, WIEDERHERSTELLUNG VERBRAUCHTER KRAEFTE UND DIE GESTALTUNG
DES SOZIALEN ORGANISMUS (Hellmuth J. ten Siethoff)
Um auf diese Themen eingehen zu können, müssen wir uns zunächst bewusst
werden, was uns Rudolf Steiner mitteilte, dass die Menschheitsentwickluna
einerseits ein Prozess der individuellen Entwicklung des Menschen ist,
diese aber nur in der sozialen Entwicklung der ganzen Menschheit statt-
finden kann. Die individuelle Entwicklung ist abhängig von und wird be-
dingt durch die Entwicklung im Sozialen. Ausserdem wiederholen sich in
der individuellen aber auch in der sozialen Entwicklung immer in einer
folgenden Phase die vorherige, wobei in bestimmten Phasen schon neue,
künftige Phasen vorbereitet werden.
Entsprechend der Menschheitsevolution (Entwicklung der Empfindungsseele
im aegyptischen Zeitalter, Verstandes/Gemütsseele im Griechisch-Römischen
Zeitalter und seit dem 15. Jahrundert Beginn der Bewusstseinseele)
finden wir in der individuellen Biographie im Kleinen die Wiederholungen
im 4., 5. und 6. Jahrsiebt. Aber auch in der Entwicklung einer Gemeinschaft,
in der Gestaltung des sozialen Organismus zeigt sich, dass dieser soziale
Organismus in seinem Werdegang durch diese Entwicklungsphasen hindurch-
geht. Für die Zukunft aber müssen wir schon jetzt beginnen, die zukünftigen
. Qualitäten des Geistselbst, des Lebensgeistes und des Geistesmenschen vor-
zubereiten, was ein zentrales Thema in der Anthroposophie darstellt.
Versuchen wir die Qualitäten dieser verschiedenen Seelenaspekte kurz zu
charakterisieren,
1. Die Empfindungsseele lässt den Menschen direkt auf seine Umwelt reagieren
in einer stark gefühlsmässigen und intuitiven Art, die Wahrnehmungen
mehr oder weniger unmittelbar in Handlungen umsetzend.
2. Die Verstandesseele erlaubt uns selbständige, von den Umwelteindrücken
unabhängige Gedanken und Gefühle zu haben. Sie macht es uns auch möglich,
die Sinneseindrücke zu ordnen und wir können durch sie organisieren und
regeln, planen und ordnen .
3. Die Bewusstseinsseele macht es uns möglich, über uns selber in Beziehung
zu unserer Umwelt einen Ueberblick zu haben, den sogenannten höheren Stand-
punkt, den Gesamtüberblick.
4. Das Geistselbst ist die Fähigkeit, Gut und Böse, Luzifer, Ahriman und das
Christliche objektiv nebeneinander zu sehen, ohne von Sympathie oder
Antipathie für das eine oder das andere mitgerissen zu werden. Oder wie
Rudolf Steiner es einmal formulierte (ich zitiere dem Sinn nach): "Den
andern Menschen in seinem Herzen mittrasen mit der Objektivität einer mathe-
matischen Aufgabe." Das Panorama-Erlebnis nach dem Tode, das eine Geist-
selbstqualität hat.
Der Lebensgeist gibt uns die Möglichkeit, auf Erden einen ähnlichen Prozess
durchzumachen, wie wir ihn sonst im Kamaloka im Nachtod erleben. Das heisst,
die Fähigkeit, sich selber so zu beurteilen, wie es nach dem Tode die geistige
Welt tut. Dabei an uns selber zu erleben, was der andere Mensch erlebt durch
unser Verhalten (Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg' auch keinem
andern zu).
6. Der Geistesmensch ist eigentlich nur zu verstehen, wenn man das Mysterium von
Golgotha versteht. Es ist der umgewandelte, durch Tod und Auferstehung gegangene
physische Leib, es ist alles in und an uns, das durch das Leiden geläutert,
umgewandelt und neu vergeistigt wieder auferstanden ist.
Die letzten drei Fähigkeiten sind für die Zukunft zu entwickeln, wir müssen aber
schon jetzt damit anfangen, obwohl wir vom Gesichtspunkt der Menschheitsentwicklung
aus gesehen erst in der Entwicklung der Bewusstseinsseele stehen.
Betrachten wir die Entwicklung einer Gemeinschaft. In der ersten Entwicklungs-
phase beobachten wir ein starkes Empfindungsseelen-Element. Die Menschen arbeiten
und verhalten sich stark aus dem intuitiven Wahrnehmen dessen, was zu geschehen
hat. Es wird noch nicht viel darüber nachgedacht, man tut es einfach. Oft mit
grossen persönlichen Opfern. Die Führung ist oft stark autokratisch, so wie das
im alten Aegypten auch war, Die Woche ist noch stark nach dem alten Testament
geordnet: "Und am siebten Tag schaute Gott zurück auf seine Arbeit und sah, dass
es gut war." Es gibt keine Ferien, der Ruhetag wird damit verbracht, auf die getane
Arbeit zurückzuschauen, um zu sehen, ob sie gut war. Und in dieser Phase wird
eigentlich die ganze soziale Struktur aus dem momentanen Empfinden der anwesenden
Mensch geformt, bleibt sehr beweglich und wird immer den Umständen so weit wie
möglich angepasst.
Wie das immer in jedem Entwicklungsprozess der Fall ist, verschwindet in einer
nächsten Entwicklungsphase das, was vorher entwickelt wurde, keineswegs, es wird
nur oft von dem Neuen überdeckt, das zu entwickeln ist. Die Kunst besteht deshalb
darin, das was vorher entwickelt wurde so in das neu zu Entwickelnde einzugliedern,
dass die beiden Teile eine Harmonie bilden. Und so muss die Empfindungsseele in
der Entwicklung der Verstandesseele eine neue Qualität bekommen.
Auch in der Gemeinschaft kommt der Moment, wo das Verstandesseele-Element
entwickelt werden muss. Dies zeigt sich meistens darin, dass das Bedürfnis
entsteht, ein wenig mehr zu planen, zu organisieren und zu reglementieren.
Oft geschieht dies auf Kosten dieses Empfindungsseele-Element. Dies macht
sich dadurch bemerkbar, dass Menschen das Gefühl haben können, wir arbeiten
nicht mehr den Realitäten des Alltages gemäss. Die Verstandesseelen-Kultur
in der Menschheitsentwicklung wirkte sich im Uebergang zur Bewusstseinsseele-
Kultur so aus, dass überall die Differenzierung auftrat. Dieses wiederum
macht sich in einer immer stärker werdenden Arbeitsteilung geltend (z.B.
in unseren Heimen unter Leuten, die in den Gruppen arbeiten und denen, die
Unterricht erteilen, zwischen Heilpädagogen und Sozialtherapeuten usw.),
welche für den Lernprozess zwar notwendig ist, aber in seiner Einseitig-
keit verheerend wirkt. Diese Einseitigkeit, die sich in unserer Kultur
zur "Kulturkrankheit" entwickelt hat, führte dazu, dass die Arbeit zu wenig
Abwechslung bot, zu monoton wurde und den Menschen nicht mehr begeistern
konnte, weil ihm der Zusammenhang verloren ging. Das unmittelbare Empfinden
der Notwendigkeiten aus der realen Situation heraus fehlte, weil er die
Vebersicht nicht mehr besass, Der Mensch in der Entwicklung seiner Verstandes-
seele, was aber wie gesagt auch für eine Gemeinschaft in dieser Entwicklungs-
‘phase gilt, zieht sich in sich selber zurück, geht nach innen und unterliegt
der Gefahr, den realen Kontakt mit der Umwelt zu verlieren. Er wird eg0-
zentrisch und manchmal auch egoistisch. In einer sozialen Gemeinschaft kann
man viele Isolierungstendenzen verstehen aus dieser Gegebenheit heraus.
Einerseits muss dieser Prozess stattfinden, anderseits führt er im Sozialen
zu sehr schwierigen Situationen. Und diese Schwierigkeiten versucht man dann
zu lösen, mit Hilfe von Verstandesseele-Lösungen, wie Reglemente, Organi-
gramme, Pflichtenhefte, Aufgaben-Beschreibungen usw. Auch die Freizeit wird
nun zu einem Problem, denn durch die Einseitigkeit wird der Mensch mehr müde
und hat mehr Mühe, sich zu erholen , was noch erschwert wird durch unsere
heutige Kultur, die ihn immer mehr zerstückelt und zerstreut. Die Ferien sind
eine Einrichtung der festgefahrenen Verständesseelenentwicklung in unserer
Kultur, denn die Bewusstseinsseele, auch wenn wir im Bewusstseinsseele-Zeit-
alter leben, ist noch nicht ganz entwickelt. Die Anthroposophie will uns dabei
eine Unterstützung geben. Sie macht es uns möglich, den verlorenen Ueberblick
vom Geistigen her wieder zu gewinnen und dadurch die Zusammenhänge wieder
sehen zu können. Ausserdem macht sie es uns möglich, uns ein richtiges Verständnis
vom Mysterium von Golgotha und vom Wesen Jesu Christi anzueignen. Dies ist
Voraussetzung für die Entwicklung der weiteren Wesensglieder. Wollen wir
die Bewusstseinsseele vollständig entwickeln, müssen wir ganz bestimmte Dinge
tun in und mit uns selber, aber auch in unseren Gemeinschaften. So zum
Beispiel:
Wir müssen wieder versuchen, von den Realitäten der Situation auszugehen und
nicht von abstrakten Gedanken, auch wenn wir das Denken üben müssen (Siehe
"Die praktische Ausbildung des Denkens", von Rudolf Steiner).
Wir müssen versuchen die Einseitigkeiten in der Arbeitsteilung zu überwinden,
ohne eine bestimmte Spezialisierung aufzugeben, die gerade notwendig ist,
um zu einer Vertiefung zu kommen.
(Es geht also nicht darum, die alte Empfindungsseele-Form wieder herzustellen,
nein, wir müssen das Alte in neum Formen wieder neu gestalten und darin liegt
die Schwierigkeit.)
Wir müssen die Egozentrik und den Egoismus, der für die Stärkung der eigenen
Seele notwendig ist, überwinden lernen, dadurch, dass wir einander bewusst
begegnen lernen und bewusst miteinander ins Gespräch kommen wollen, um über
die Auswüchse dieses Egoismus miteinander zu reden.
Wir müssen versuchen, die Probleme der Gemeinschaftsordnung so wenig wie
möglich durch Reglemente zu lösa und so viel wie möglich durch das Gespräch,
wobei man den realen Gegebenheiten ausgeht. Wir müssen versuchen, einander
wieder für die Arbeit und für den Einsatz zu begeistern, dadurch, dass wir
uns gegenseitig aufmerksam machen auf die hohen geistigen Ziele, die wir
versuche anzustreben. Dann aber auch die Toleranz üben, wenn wir merken,
dass nicht jeder das schon kann.
Wir müssen versuchen, die Geistselbstqualität zu üben und auch uns, bei
allem was wir tun, die Frage zu stellen: "Was bewirkt das in der Seele
des andern?"
Wir müssen realisieren, dass die heutige Kultur unglaublich raffinierte
Angriffe aus dasjenige macht, was wir gerade zu entwickeln haben - denn
nur durch den Widerstand entwickeln wir die nötige Kraft, um weiter zu kommen.
Und weiter kommen müssen wir, denn es gibt keinen Weg zurück.
Ein bestimmter Denkfehler, der gewissen Verstandesseelen-Massnahmen zugrunde
liegt, ist der Gedanke, dass wir alle gleich sind. Daraus ist zu erklären,
weshalb in vielen Reglementen Massnahmen festgelegt werden, die für alle
gleich zu gelten haben. Und so müssen wir wieder lernen, dass wir alle
voneinander verschiedene Wesen sind und dass diese individuelim Unter-
schiede nie durch Reglemente zu erfassen sind sondern nur individuell
betrachtet werden können. Dies führt dann wieder zum Problem, dass die
Organisation so strukturiert werden muss, dass auch das Individuelle zum
Tragen kommen kann. Und dies ist wiederum nur möglich, wenn Verantwortungen
bis auf die kleinsten sozialen Zusammenhänge hinunterdelegiert werden.
Dazu folgendes Beispiel: Als allgemeine Regel kann gelten, dass die Mit-
arbeiter 5 freie Tage pro Monat nehmen, aber dass die Entscheidung über
den Zeitpunkt und eventuelle Abweichungen von der Regel aufgrund indi-
vidueller Gegebenheiten in die Verantwortungsbereiche der Gruppen gelegt
wird, die von den realen Gegebenheiten ihrer Situation ausgehen müssen,
um zu sehen, was geht und was nicht. Und so können auf vielen Gebieten
einerseits allgemeine Spielregeln gelten (denn die Verstandesseele hat
ihre Berechtigung), sie müssen aber ergänzt werden durch - verloren gegangene -
Empfindungsseele-Element des "Von der realen Situation Ausgehens" und
"Mit Verantwortung Arbeitens", was aber erst wieder durch die Begeisterung
durch das spirituelle Element richtig geschehen kann. Dazu kann uns die
Anthroposophie helfen. Aber nicht eine Anthroposophie, die auf alt-
testamentarische Art dargestellt wird, sondern eine, die aus der Liebe
und dem Mitleid mit dem nächsten besteht. Dabei genügt es nicht, nur
"Tieb" zu sein. Gewiss ist der Lernprozess, den wir alle dort durchzu-
machen haben, als ein Teil unserer Entwicklung schwierig - wir sind nicht
umsonst in dieser heutigen Kultur inkarniert - aber er ist möglich.
Wir können sehr viel erreichen, wenn wir bereit sind, unsere eigene Ent-
wicklung in zwei Faktoren zu sehen: als eigene und als soziale und Mensch-
heitsenwicklungsaufgabe. "Was ich an mir entwickle, das entwickle ich
auch für meine Mitmenschen, denn was ich nicht an mir entwickle, darunter
müssen meine Mitmenschen leiden."
Wenn wir in unseren Gemeinschaften etwas verändern wollen, dann müssen wir
realisieren, dass wir an langfristigen Entwicklungsprozessen arbeiten, weil
jede Entwicklung im Sozialen als Vorbedingung hat, dass die Menschen in
dieser Gemeinschaft an sich gearbeitet haben. Tun sie das nicht, oder nur
wenig, dann ist von einer Entwicklung der Gemeinschaft nichts oder wenig
zu spüren. Es kann aber dann und wann nötig sein, bestimmte Dinge einfach
mal anders zu machen, auch wenn wir die grosse Uebersicht noch nicht haben,
damit wir überhaupt in einen Lernprozess hineinkommen. Und jedesmal ist im
Gespräch abzutasten, inwieweit wir den Mut haben zu solchen Schritten,
dann aber auch mit in Kauf nehmen, dass Fehler gemacht werden, dass wir
vielleicht scheitern, aber auch die Bereitschaft haben, dann wieder von
vorne zu beginnen. Dabei hat alles abfällige Kritisieren keinen Sinn. Sinn-
voll ist, wenn die Dinge, die nicht gelungen sind, so objektiv wie möglich
dargestellt werden und man versucht, daraus zu lernen, wie man es besser
machen könnte.
So hat es auch keinen Sinn, sich immer wieder über das Verhalten anderer
zu ärgern: wir können ja alle in bestimmten Augenblicken nicht aus unserer
Haut. Wir können höchstens versuchen, den andern - ohne Gereiztheit, so
objektiv wie möglich - zu spiegeln, ihm zu zeigen, wie er wirkt und ander-
seits uns die Frage stellen, was sein höheres Ich eigentlich sagen oder tun
wollte und darauf dann eingehen.
Zusammenfassend können wir sagen, dass alle soziale Entwicklung nur stattfinden
kann, wenn wir uns individuell entwickeln und umgekehrt die individuelle Ent-
wicklung gefördert oder gehemmt werden kann durch das, was wir im Sozialen
imstande sind zu schaffen oder nicht. Und im heutigen Zeitalter, wo die
Menschheit den Kontakt mit der geistigen Welt, aus der sie entstanden ist
und aus der sie geführt wird, verloren hat, kann uns gerade die Anthroposophie
eine grosse Hilfe sein, weil sie uns ermöglicht, den Zusammenhang mit der
geistigen Welt wieder herzustellen. Ein kleines Beispiel: Wenn ich nachts
mit meinem Bewusstsein die Erdenwelt verlasse und in die gastige Welt ein-
trete, dann bringe ich meine Gedanken und Gefühle, die ich tagsüber geheat
und gepflegt habe, in die geistige Welt hinein. Sie sind dann die Nahrung
für die geistigenWesenheiten, die uns helfen, während unseres Schlafes das,
was tagsüber abgebaut wurde, wieder aufzubauen. Wie auch ein normaler Bau-
arbeiter nicht arbeiten kann, wenn er nicht richtig ernährt wird, können
diese geistigen Wesenheiten ihre Arbeit nicht ausführen, oder nur unzu-
länglich, wenn sie von uns nicht richtig ernährt werden. Alles, was unsere
materialistische Kultur darbietet an Zerstreuungsmöglichkeiten (Radio,
Film, Fernsehen, Alkohol, usw.) ist für diese geistigen Wesenheiten "Steine
statt Brot", ist Gift. Und wir brauchen die ausgeführten Aussagen von
Rudolf Steiner nicht als persönliche Kritik zu erfahren, jeder muss sich
selber die Frage stellen, was er mit diesen Erkenntnissen tun möchte. Denn
heute stehen wir immer mehr in einer Situation, in der die Umwelt uns immer
weniger vorschreibt, was wir zu tun oder zu lassen haben und immer öfters
stehen wir in Situationen, in denen dieses Urteil uns selbst obliegt,
Und so möchten diese Zeilen nur eine Hilfe sein auf dem Wege der Erkenntnis,
notwendig für die gesunde Gestaltung unserer sozialen Organismen, auch wenn
vieles, was hier gesagt wurde, unzulänglich ist und der Ergänzung bedarf.
Wir können dann weiter miteinander darüber sprechen.
St-Christophe, 26.9.80