GEDANKEN ZUM THEMA "DAS BOESE"
ne trennte
Aus : 1) Rudolf Steiner, Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher
Erkenntnis, GA 191, 11. und 12. Vortrag vom 1. und 2. 11.1919
2) Rudolf Steiner, Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. Luziferische
Vergangenheit und ahrimanische Zukunft, GA 193, 9. und 10. Vortrag
vom 27.10. und 4.11.1919
(von H. J. ten Siethoff)
Rudolf Steiner unterscheidet zwei Formen des Bösen, die sogenannte luzife-
rische und.die sogenannte ahrimanische Form.
Er spricht davon, dass es etwa 3000 Jahre v. Chr. eine luziferische Inkar-
nation im Osten, in China gegeben hat, welche der Menschheit die Weisheit
und das selbständige Denken gebracht hat. Die östliche Philosophie, welche
heute wiederentdeckt wird, hat dort ihre Quelle.
Damals war WEISHEIT = MORAL. Die Philosophie war die Form, in der die Mo-
ral unter das Volk gebracht wurde.
Das STAATSWESEN war die von Gott gewollte soziale Form.
Die WIRTSCHAFT (damals hauptsächlich Landwirtschaft) war eine heilige Sache.
Bis zum Mysterium von Golgatha wurde die Menschheit durch die göttliche
Weisheit geführt (Altes Testament). Diese Führung wurde immer schwächer.
Das eigenständige Denken, aber auch der Egoismus wurden immer stärker.
Das Neue Testament setzt einen Meilenstein, indem es die individuelle
Verantwortung für das eigene Schicksal und damit auch für das Schicksal
der Welt zentral stellt.
Als das göttliche Wort sich mit der Erde verband, bekam die Menschheit
die Möglichkeit, ihre Wortkräfte so zu verwandeln, dass das Wort frucht-
bar werden konnte.
Heute werden Erkenntnis und Weisheit nicht mehr unterschieden. Erkenntnis
soll wertfrei sein. Die Ethik, oder die Moral, ist nur für den Sonntag da.
Das Handeln ist schon gar nicht mehr eine heilige Sache, es muss (wirt-
schaftlich) etwas bringen.
Für viele Menschen ist die Welt heute unklar, dunkel, nebelig und verwir-
rend. Man braucht eine neue KLARHEIT, denn nur mit dem klaren Bewusstsein
kann der Mensch die Welt begreifen lernen und nur so sich in dieser Welt
zurechtfinden.
Die ahrimanische Form des Bösen ist die Form, welche heute eine wichtige
Rolle spielt. Es ist die Form, die den Menschen vorgaukelt, die irdische,
physische Welt sei die allein wichtige. Im Laufe der Geschichte können wir
viele Phänomene wahrnehmen, welche einen Prozess begleiteten, der zur
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Individualisierung des einzelnen Menschen und zu seiner intimeren Verbin-
dung mit der Erde führte.
Wir sehen, dass die Menschen sich von Jägern und Sammlern zu nomadischen
Viehzüchtern und Landwirten entwickeln. Später entstehen der Handel und
das Gewerbe.
Wir haben beobachten können, wie die Menschen zuerst die Neigung hatten,
sich zu Sippen und Gruppen zusammenzuschliessen, wobei einerseits die
Blutlinie wichtig war und andererseits das Individuum sich der Gemein-
schaft unterordnete.
Heute sehen wir, wie das Individuum sich aus den Sippen und Gemeinschaften
zu befreien versucht. Seine individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse
suchen immer mehr die Anerkennung der Gemeinschaft. (Das soziologische
Grundgesetz, das 1898 schon von Rudolf Steiner formuliert wurde.)
Parallel zu dieser Entwicklung sehen wir, dass die menschlichen Instinkte
ihre Weisheit verlieren und sie durch das Bewusstsein ersetzt werden müssen.
Die MACHT, ein heisses Thema heute, war früher bei den Eingeweihten. Dann
ging sie über zu den Priestern, zur Kirche und den weltlichen Herrschern.
Heute liegt sie bei den Banken und der Börse.
Das Prinzip des hierarchischen Aufbaus der sozialen Strukturen haben wir
beibehalten, nur fehlen oft die dazugefiörige Weisheit und die dazugehöri-
gen menschlichen Tugenden wie : EHRFURCHT, STAUNEN, DEMUT UND BESCHEIDEN-
HEIT.
Weisheit braucht Anerkennung, um wirksam zu werden. Hier liegt eines der
Hauptprobleme der heutigen Führung.
Wenn wir uns heute ein Bild machen wollen von der Wirkungsart des Bösen,
hauptsächlich des ahrimanischen Bösen, dann können wir als Analogie fol-
gendes Bild nehmen.
Wer den Marionettenspieler kennt, weiss, was dieser mit seinen Marionet-
ten tut. Wer die Wirkungen des Bösen kennt, weiss damit umzugehen.
Rudolf Steiner deutet eine Inkarnation Ahrimans in der Zukunft an, und
zwar im Westen. Auch spricht er darüber, wie diese in unserer Kultur
vorbereitet wird, und zwar durch folgendes :
- Die Entwicklung eines mathematisch-mechanistischen Weltbildes und Bil-
des des Weltenalls.
- Die Philosophie, dass der Mensch nur einen vollen Bauch braucht, um
glücklich zu sein.
- Die Spaltung der Menschheit durch das Prinzip des Nationalen und des
Regionalen. (Diese nationalen, regionalen Kräfte wirken mit der Kraft
des Sexuellen.)
- Die einseitige Auslegung und Auffassung der Evangelien, wobei man sich
auf eines der Evangelien beschränkt, statt die vier Evangelien als eine
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Gesamtheit zu sehen, in der jedes Evangelium einen bestimmten Aspekt des
Christusereignisses darstellt.
- Die Darstellung der Jesus-Christus-Wesenheit als schlichten Mann aus
Nazareth, wobei der kosmische Aspekt verlorengeht.
- Das viele Bücherschreiben, wobei vieles nie gelesen wird. Dadurch wird
verhindert, dass alle diese Autoren etwas Praktisches tun, und entstehen
die vielen Bibliotheken als "geistige Friedhöfe" (Zitat Rudolf Steiners).
- Der Glaube an die Zahlen, an die Statistik, als das Wesentliche in der
Welt. Dabei wird vergessen, dass das Wesentliche immer im Kleinen und in
der Verborgenheit entsteht. Deshalb ist das wesentlich Neue statistisch
nie zu erfassen.
- Die Entwicklung einer Technologie, welche die menschliche Kommunikation
zu ersetzen droht, wodurch auch die zwischenmenschlichen Beziehungen
austrocknen und keine menschlichen Entwicklungsprozesse mehr stattfinden.
Dadurch finden auch keine Schicksalsausgleiche mehr statt. Anders gesagt,
Konflikte können nicht ausgetragen und zu einer fruchtbaren Lösung geführt
werden.
Rudolf Steiner weist darauf hin, dass es eine europäische Aufgabe ist, die
soziale Frage zu lösen. Er spricht da vom hygienischen Okkultismus. Wird
Europa diese Aufgabe nicht erfüllen, dann werden sich in Asien unfreie
soziale Formen entwickeln. (Heute schon sichtbar in Japan und China.)
WIE LERNEN WIR MIT LUZIFER UND AHRIMAN UMGEHEN ?
Im Prinzip so, dass wir Ahriman mit Luzifer durchdringen und umgekehrt.
Das Blendwerk des materiellen Ahrimanischen erkennen und uns mit luzife-
rischer Begeisterung dafür interessieren. Damit erlösen wir sozusagen
Ahriman, und wenn man ihn durchschaut, wird er weniger Einfluss auf uns
haben können. Ahriman als Herrn der Täuschung muss man durchschauen ler-
nen. Dies erfordert ein erkraftetes Denken und ist manchmal langweilig
oder schwierig.
Das Luziferische, Egoistische, Emotionelle und Spontane, das in uns auf-
quillt, müssen wir lernen, mit ahrimanischer Exaktheit zu betrachten.
Auch dies wird nicht gern gemacht, weil es einen mit den eigenen Unfähig-
keiten konfrontiert. Jegliche Illusion über mein eigenes innerstes Wesen
verhindert die Selbsterkenntnis, und dieser Mangel an Selbsterkenntnis
ist wiederum die Quelle vieler Konflikte. Konfliktlösung bedeutet Selbst-
erkenntnis.
KRITIK ist oft nichts anderes als, die eigenen Unfähigkeiten im andern
gespiegelt zu bekommen und dies nicht ertragen zu können. Die Abwehr ist
dann die Kritik.
Solange die Menschen nicht bereit sind, den Krieg nach innen zu verlegen,
werden sie sich in Kriegen gegenseitig umbringen, nur um zu verhindern,
dass sie Selbsterkenntnis entwickeln.
Hellmuth J. ten Siethoff
Es Grand Clos
CH-1083 Mezieres / \D
1987