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Thoughts about the theme “Theory and Practice”

Author:
Hellmuth ten Siethoff
Original title:
Gedanken zum Thema “Theorie und Praxis”
Type:
Syllabus
Language:
German
Year:
?
Pages:
4
Subject:
Mistakes in thinking and impacts to the social-pedagogic

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GEDANKEN ZUM THEMA "THEORIE UND PRAXIS"
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Wir können heute überall erleben, dass die menschlichen Gedanken
wirklichkeitsfremd sind, dass die Ideen zwar schön sind, aber
nicht in die Praxis umgesetzt werden (können) und viele Menschen
nur Praktiker sein wollen und Angst haben vor Ideen, welche sie
als Theorie abstempeln. Wo liegt das Problem und wie ist damit
umzugehen?
Zwei grossen DENKFEHLERN können wir begegnen:
1. DAS KURZSCHLUSSDENKEN. Es wird irgendein Problem signalisiert
und ohne den Ursachen dieses Problems auf den Grund zu gehen,
wird eine Lösung angewendet, welche höchstens ein Symptom be-
kämpft, jedoch nicht die Ursache(n). Meistens wird so eine
Entscheidung unter dem Druck (vermeintlicher) Sachzwänge oder
der Zeit getroffen.
2. DAS NICHT-DENKEN. Die Probleme werden zwar gesehen, es wird
aber weder etwas getan, noch etwas weiter gedacht. Man weiss
‘ eigentlich nicht, was anfangen und aus einem Gefühl der Ohn-
macht passiert nichts. Es kann höchstens die. Frage auftauchen,
was soll ich denn tun? Dabei wird vom andern die Lösung erwar-'
tet.
Um diesem Problem näher zu kommen, wollen wir den Unterschied
zwischen Mensch und Tier anschauen. Nach den Auffassungen der
heutigen modernen Naturwissenschaft ist der Mensch ein denkendes
Tier, das höchste in der Hierarchie der Primaten. Wir werden se-
hen, dass dies nicht stimmt, und auch, dass diese Auffassung oder
Theorie verheerende Folgen für die soziale Wirklichkeit oder Pra-
xis hat.
Das Tier hat einen Instinkt (Haustiere und längere Zeit in Gefan-
genschaft lebende Tiere möchte ich vorläufig aus dieser Betrach-
tung herausnehmen, weil sie durch ihre lange Beziehung zum Men-
schen Züchtungsdegenerationserscheinungen oder Gefangenschaftsano-
malitäten zeigen). Dieser Instinkt sagt dem Tier genau, was es tun
und lassen soll. Das Tier, wie die Vögel, die Insekten und jeder
Fisch, ist in seiner Art ein Spezialist. Es tut etwas ganz be-
stimmtes, und dies besonders gut, besser als andere Tiere oder der
Mensch. Tierverhalten ist spezialisiert, die Tiere sind in ihrer
Art standardisiert.
Der Mensch ist nicht spezialisiert. Der Mensch ist Universalist.
Der Mensch hat seine Instinkte verloren, er weiss nicht mehr aus
seinen Instinkten heraus, was gut für ihn ist und was schlecht,
was er in bestimmten Situationen tun oder unterlassen soll.

Der Mensch hat die spezielle Fähigkeit, nach- und vorausdenken zu
können. Er ist als Individuum eine Gattung für sich. Jeder Mensch
ist als Individuum spezialisiert und nicht als Art. Der Mensch
kann anders als er muss. Das heisst, der Mensch .kann sich seiner
Triebe bewusst werden und sie beherrschen lernen. Der Mensch hat
die Möglichkeit zu einem moralischen Bewusstsein, das Tier nicht.
Der Mensch kann sich aus dem Bewusstsein, aus einer Erkenntnis
entscheiden, etwas zu tun oder zu unterlassen, wo das Tier nur aus
einer Begierde oder einem Trieb automatisch handeln würde.
Der Mensch ist zu allem fähig, auch zum Unmenschlichen. Das Tier
ist nur fähig zu dem, was seiner Tierart entspricht.
Weil das Tier in diesem Sinne fertig ist in seiner Art, sich also
eigentlich nicht entwickeln kann, liegt das Wesentliche beim Tier
auch in der Erhaltung der Art, in der Fortpflanzung. Es gibt
Tierarten (z.B. Skorpion oder Biene), bei denen das Männchen nach
der Fortpflanzung stirbt.
Beim Menschen fängt die Entwicklung, die Selbstentwicklung muss
man eigentlich sagen, erst mit der Fortpflanzungsfähigkeit an. Bis
zur Geschlechtsreife lebt das Menschenkind in der geschützten
Umgebung der Familie und ist erst nach der Geschlechtsreife
selbständig. Es bekommt auch dann erst die eigene Urteilsfähigkeit
und die Fähigkeit zu überzeugen. Das heisst, es kann anfangen, im
Denken zu "zeugen". Erst dann ist es ein selbständiges Ich-Wesen.
Das Tier hat nur sein "Arten-(Gruppen)-Ich". Alle Tiere leben in
der Welt und empfinden die Welt instinktmässig. Sie reagieren auch
instinktmässig. Der Mensch kann die Welt erleben und die Erlebnis-
se über das Bewusstsein zur Erkenntnis führen. Diese durchlebte
Erkenntnis nennen wir Weisheit. Die Weisheit beim Tier steckt im
Instinkt.
Theorie stammt vom griechischen Theos (Gott) und horaein
(schauen). Theorie ist also "Gott schauen" oder anders gesagt, die
Weisheit hinter der Erscheinung in das Bewusstsein hineinnehmen,
erkennen. "Der Mensch wurde geschaffen nach Gottes Ebenbild und
lernte unterscheiden zwischen Gut und Böse."
So kann das menschliche Handeln aus der Theorie, ein Handeln aus
dem Durchschauen der göttlichen Weisheit werden im Gegensatz zum
tierischen Handeln aus dem Instinkt.
Das Tier handelt aus seinem Instinkt und kann nicht anders
handeln, als es nach seiner Art handeln muss. Der Mensch hat keine
Instinkte mehr und kann sich Gedanken, "Theorien" machen über sein
Handeln. Das menschliche Handeln kann jetzt in der ganzen
Bandbreite liegen von einem instinktlosen Ausleben der Triebe oder
einem von Gedanken gesteuerten Handeln, wobei die Art und Qualität
der Gedanken dann massgebend wird für das menschliche Handeln.
Oder anders gesagt, je nachdem, was für eine Theorie sich der
Mensch zurechtlegt für sein Handeln, wird das menschliche Handeln
in der Praxis sich so _ oder so gestalten.

‘a
Was bedeutet dies für die Sozialpädagogik?
Theorie und Praxis haben immer einen Bezug zur sozialen Wirklich-
keit. Es ist die soziale Wirklichkeit, worin der Mensch lebt und
arbeitet. Das Handeln des Menschen wird beurteilt nach seinem Ein-
fluss auf diese soziale Wirklichkeit, und so werden auch die Theo-
rien erst in ihrer Auswirkung in der sozialen Wirklichkeit zeigen,
ob sie praktisch sind oder nicht. Dies bedeutet, dass wir als Men-
schen gezwungen sind, unsere Theorien auf ihre Wirkung in der
sozialen Wirklichkeit zu prüfen. Dazu brauchen wir unsere Mit-
menschen. Wir haben auch keine sozialen Instinkte mehr. Der Mensch
muss die Normen und Werte für das Handeln, seine soziälen Theo-
rien, neu entwickeln in Zusammenarbeit mit einem Mitmenschen. Nur
so können Theorie und Praxis wieder zusammenkommen und fruchtbar
wirken im Sozialen.
Für die Gestaltung unserer Organisationen heisst dies, dass in den
Organisationen Orte und Organe geschaffen werden müssen, wo über
Theorie und ihre Einwirkung auf das Handeln gesprochen werden
kann. Wo die praktischen Konsequenzen der Theorien vorgedacht oder
zu Ende gedacht werden. Wo auch die praktischen Konsequenzen
unseres Handelns ausgewertet werden und unter Umständen zurückge-
führt auf die dahinter stehenden Theorien, wodurch die Denkfehler
aufgespürt und korrigiert werden.
Diese Tätigkeiten sind Tätigkeiten des bewussten Ich-Menschen. Nur
so kann der Mensch lernen, sich selber weiter zu entwickeln in
Richtung von "Gottes Ebenbild" (S. 3) und lernen, die Fähigkeit
des "Unterscheiden-Könnens zwischen Gut und Böse" in der Praxis
anzuwenden. Gut und Böse, gesehen im Sinne ihrer Wirkung in der
sozialen Wirklichkeit. Er braucht dazu seine Mitmenschen und kann
es nicht alleine. Soziale Urteile können nur im Gespräch in einer
Gemeinschaft entwickelt werden und dafür müssen bewusst
Gelegenheiten geschaffen werden. Darin liegt das wesentliche
Geheimnis der sozialen Gestaltung.
Für die Praxis bedeutet dies, dass solche Gespräche in den Organi-
sationen stattfinden könnnen unter folgenden Bedingungen:
l. Solche Gespräche finden auf allen Ebenen der Hierarchie der
' Organisation ohne Ausnahmen statt. Sie finden in einem bestimm-
ten Rhythmus statt.
2. In den Gesprächen darf nur die Hierarchie der sozialen Vernunft
gelten. Die Organisationshierarchie darf kein Machtmittel sein
in der Argumentation. Auch Zitate sollen nicht als "Beweis-
mittel" herangezogen werden.

(3
Jeder Mensch muss als gleichberechtigter Mitmensch an solchen
Gesprächen teilnehmen können und aussprechen können, wenn diese
Gleichberechtigung nicht vorhanden ist, aus welchen Gründen
auch immer. Es sollte versucht werden, die Gleichberechtigung
wieder herzustellen.
Entscheidungen über die Normen, Werte und moralischen Grund-
lagen für das soziale Handeln in der Organisation werden mit
Einstimmigkeit angenommen. Nur dann ist die Gleichberechtigung
einigermassen realisierbar.
Ob ein Gedanke, eine Theorie für die soziäle Praxis brauchbar
ist oder nicht, liegt der Erkenntnisfähigkeit der betreffenden
Personen in der Gemeinschaft zugrunde. Deshalb kann die Ge-
meinschaft immer nur "auf dem Wege" sein. Dies muss akzeptiert
werden können. Wer eine "bessere" Idee oder Theorie hat, kann
sie nur in der Praxis anwenden, wenn die anderen in der Gemein-
schaft sie anerkennen können und dazu ja sagen wollen.
Für die Persönlichkeitsentwicklung des individuellen Menschen
gibt es nur die individuelle Freiheit.
Für die Gemeinschaft gibt es die Freiheit, jemanden aufzunehmen
oder nicht, jemanden mitzutragen oder auszuschliessen.
Für die Realisierung der Aufgaben in der Welt gilt nur die op-
timal mögliche Antwort auf einen Bedarf. Da müssen Fähigkeiten
und Bedürfnisse aufeinander stossen. Da liegt die Verantwortung
in der Qualität meines Einsatzes für des anderen Menschen Be-
darf.
Diese drei Arten von Kriterien müssen in der Gemeinschaft immer
wieder neu gegeneinander abgewogen werden.
Die Organisationsgestaltung für die Zukunft wird die Zwangs-
hierarchie, welche von oben nach unten eingesetzt wird, erset-
zen müssen durch eine Vertrauenshierarchie, welche von unten
nach oben gestaltet wird. In einer Uebergangszeit werden sich
die beiden Bewegungen gegenseitig ergänzen müssen. Das heisst,
die alte Zwangshierarchie wird einen Teil ihrer Macht abgeben
müssen. Sie wird den Prozess der neuen Wahlhierarchie von unten
nach oben gestalten helfen müssen. DAS _WIRD DIE ORGANISATIONS-
ENTWICKLUNG FÜR DIE ZUKUNFT SEIN ... .
Hellmuth J. ten Siethoff
Es Grand Clos
CH-1083 M&zieres / VD
Schweiz