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To which extent can an organisation-developer become an amateurial therapist or amateur psychologist

Author:
Hellmuth ten Siethoff
Original title:
Inwieweit kann ein Organisations-Entwickler zum Amateur-Therapeuten oder zum Amateur-Psychologen werden?
Type:
Article
Language:
German
Year:
?, perhaps written after leaving the NPI?
Pages:
6
Subject:
see title

INWIEWEIT KANN EIN ORGANISATIONS-ENTWICKLER ZUM AMATEUR-
THERAPEUTEN ODER ZUM AMATEUR-PSYCHOLOGEN WERDEN?
zu dieser Frage möchte der Autor des vorliegenden Aufsatzes wie
folgt Stellung nehmen:
1. Menschen beeinflussen einander fortwährend: Wir können diesem
Prozess nicht äusweichen. Während sie sich gegenseitig beein-
£lussen, kümmern sich die meisten Menschen gar nicht um die
psychologischen Auswirkungen ihres Handelns. Wer sich mit
Psychotherapie beschäftigt, wird das bestätigen.
2. Freud brachte die Seele in das Bewusstsein der Menschen und
war der Vorläufer der wissenschaftlichen Erforschung der
menschlichen Seele. Der Psychiater mit absolviertem Arzt-
studium und anschliessend praktizierter Analyse war einzig
befugt, sich mit menschlich-seelischen Problemen zu befassen
und Menschen mit solchen Problemen zu beraten. Man ging davon
aus, dass nur er über die erforderlichen wissenschaftlichen
Kenntnisse verfügte. Seitdem bedeutet Psychotherapie das
Interpretieren menschlicher Seelenprobleme aufgrund einer
wissenschaftlichen Theorie. Diese soll dem Menschen helfen,
Über seine eigene Seele Klarheit zu erhalten, damit er ent-
weder mit seinen Problemen besser leben oder sie lösen kann.
Nach Freud kamen Jung und Adler, die auf den grundlegenden
Erkenntnissen Freuds aufbauend, ihre eigenen Theorien ent-
wickelten.
Die Methode des Psychlaters besteht in den meisten Fällen
darin, dass er seinen Patienten frisch von "Leber und Seele
weg" erzählen lässt, was ihn bedrückt. Sodann wird der Fall
durch den Psychiater - je nachdem ob es sich um einen Jünger
Freuds, Adlers oder Jungs handelt - auf eine ganz bestimmte
‚Art interpretiert. Der Psychiater ist der Fachmann. Der
Patient hört auf ihn und befolgt seinen weisen Rat.
Ganz global ausgedrückt sind bei Freud alle Seelenprobleme
auf zwei Grundtriebe des Menschen zurückzuführen: Auf den
Sexualtrieb und den Zerstörungstrieb. Lernt der Mensch auf-
grund der Behandlung die Ursache seines Leidens kennen, wird
er dadurch lediglich lernen, sich mit seinem Leiden abzufin-
den und weiterzuleben, allenfalls mit Hilfe von Beruhigungs-
und anderen Mitteln.
Bei Adler stehen zwei andere Grunätriebe des Menschen im
Vordergrund, nämlich der Machttrieb und der Erfolgstrieb.
Adler ist mehr zukunftsorientiert. Für ihn hat der Mensch
eine Lebensaufgabe, deren er sich bewusst werden soll.
Der Psychiater hat die Aufgabe, dem Patienten zu helfen, seine
Lebensaufgabe zu finden und ihm den Weg zu deren Verwirklichung
zu weisen. Demgegenüber zeigt der Freud'sche Psychiater ledig-
lich die Probleme auf, mit denen der Patient zu leben lernen
kann.
Bei Jung stossen wir auf eine noch wesentlich differenziertere
Psychologie, die im Menschen drei Elemente unterscheidet: Die
individuelle Persönlichkeit, das individuelle Unbewusste sowie
das kollektive Unbewusste. Die Persönlichkeit stellt mehr das
äusserliche Erden-Ich dar. Im individuellen Unbewussten liegen
alle nicht bewusst verarbeiteten persönlichen Erlebnisse ver-
.. borgen. Das kollektive Unbewusste umfasst alle im Verlaufe der
3.
4.
Menschheitsentwicklung durch Vererbung übertragenen Lebenser-
fahrungen der Menschheit, die allerdings auch im Individuum
fortbestehen. Steiner, der Begründer der Anthroposophie, geht
diesbezüglich einen Schritt weiter. Nach seiner Lehre ist das
kollektive Unbewusste nicht durch Vererbung entstanden, sondern
indem die Menschen sich immer wieder reinkarnieren bzw. wieder-
verkörpern und diese Erfahrung mitnehmen.
Im Verlaufe der Zeit entwickelte sich die Psychologie zu einer
selbständigen Wissenschaft neben der Psychiatrie. Da Psycho-
logen keine Aerzte sind, versuchten sie, die Barriere des
Mystischen der "Psychiaterclique" zu durchbrechen. Sie ent-
wickelten ihre eigenen therapeutischen Methoden, die heute
mehr oder weniger - auch von Psychiatern - anerkannt werden.
Nun aber droht sich die Geschichte zu wiederholen, indem die
Psychologen vermehrt versuchen, neben den Psychiatern als
professionelle Kenner des menschlichen Seelenlebens aufzu-
treten. . ° \
In den 40er Jahren unseres Jahrhunderts entwickelte sich in
den USA - mehr oder weniger zufällig - die Gruppendynamik.
An einem Kongress Über Rassenbeziehungen, an dem viele
Psychologen und Psychiater teilnahmen, entdeckte man, dass
es viel interessanter war, die menschlichen Beziehungen bzw.
das menschliche Verhalten in der Gruppe zu studieren als sich
mit dem Gesprächsinhalt zu befassen. Damit entstand - sozu-
sagen in ambryonaler Form - was heute weltweit als "Sensiti-
vity Training" bekannt ist. Allerdings sollte man sich bewusst
sein, dass diese Entdecker der Gruppendynanik aus den Schulen
von Freud, Adler und Jung hervorgegangen sind. Die Methode
der Gruppendynamik war entsprechend stark interpretierend.
Sie ist es oft auch heute noch.
Auch unter den Gruppendynamikern entstand der Wunsch, sich
professionell auszubilden und ihre Spezialität zu schützen,
gleich wie bei den Psychiatern und Psychologen.
Damit wir den Prozess der Gruppendynamik und der Psychothera-
pie etwas besser verstehen, müssen wir uns kurz mit den soge-
nannten "Abwehrmechanismen” beschäftigen. Abwehrmechanismen

6.
sind menschliche Verhaltensweisen, die uns daran hindern, be-
stimmte Erkenntnisse in unser Unterbewusstsein oder unser
Seelenleben aufzunehmen. Jeder von uns weiss, dass er be-
stimmte Eigenschaften seiner Persönlichkeit nicht gerne
wahrhaben will. Die Anerkennung dieser Eigenschaften würde
uns nämlich im Grunde genommen die moralische Pflicht aufer-
legen, in dieser Richtung etwas zu unternehmen. Dabei sind
wir oft nicht sicher, ob wir das Problem tatsächlich bewälti-
gen können. Diese Abwehrmechanismen sind eine Realität und
haben auch ihren Sinn. Der Mensch, der mehr erkennt - auch
über sich selbst - als er im Moment verdauen kann, wird über-
fordert, was sich insbesondere auf das seelische Gleichge-
wicht dieses Menschen negativ auswirken kann. Wären diese Ab-
wehrmechanismen nicht vorhanden, müsste dieser Mensch aus
seinem Innern heraus die Kraft finden, an seinen Schwächen
zu arbeiten. Wieviele Kräfte einem Menschen dabei zur Verfü-
gung stehen, ist für.den Aussenstehenden sehr schwer zu be-
urteilen.
Das traditionelle Sensitivity Training geht nun aber gerade
davon aus, die Abwehrmechanismen so schnell wie nur möglich
abzubauen, damit der Mensch möglichst rasch mit möglichst
vielen seiner Schwächen konfrontiert wird und er-unverzüglich
daran gehen kann, an seinen Schwächen zu arbeiten. Dieses
Vorgehen ist unrealistisch und viele Gruppendynamiker haben
es selbst erfahren müssen, dass ab und zu Teilnehmer am
Sensitivity Training entweder frühzeitig das Seminar verlassen
oder mit einer seelischen Störung in eine psychiatrische Klinik
eingewiesen werden mussten. Das sind dann die sogenannten "Un-
fälle". Eine Art eines solchen Unfalls ist die plötzlich auf-
tretende Schizophrenie oder Seelenspaltung, wobei der Mensch
sich als zwei getrennte Persönlichkeiten erlebt. Im Grunde ge-
nommen handelt es sich dabei nur um eine erhöhte Abwehrreaktion,
wobei jener Teil der Persönlichkeit, mit dem man nicht fertig
wird, einfach vom Bewusstsein abgetrennt wird,
Eine neue Entwicklung brachte Carl Rogers durch seine Methode
der sogenannten "nicht direktiven" Therapie in Gang. Bei dieser
Methode gibt es kein "Hineininterpretieren” mehr. Carl Rogers
ging von einem Menschenbild aus, das wie folgt beschrieben
werden kann:
= Kein Mensch - nicht einmal der Psychiater oder der Psycholog
ist imstande, mit seiner Theorie das wirkliche Wesen eines
Menschen zu erfassen. Deshalb nützt alles interpretieren gar
nichts. Auch ist es nicht sinnvoll, den Menschen erzählen zu
lassen, was mit ihm los ist. Es soll vielmehr dem Menschen
gezeigt werden, wie er dies selbst herausfinden kann und wie
er selbst seine eigene Therapie entwickeln kann.
= Auf diese Art und unter gleichzeitiger Beachtung der Abwehr-
mechanismen können Menschen Schritt für Schritt weiterkommen,
nie mehr aufnehmend als sie im Moment auch wirklich verdauen
können.
7.
= Bei dieser Methode spricht der Klient ganz frei über die
Probleme, die ihn beschäftigen und bedrücken (Es ist zu
beachten, dass Rogers nicht von Patienten, sondern von
Klienten spricht, die als erwachsene Individuen grundsätz-
lich über die Fähigkeit verfügen, mit ihren Problemen
selbst fertig zu werden). Der Therapeut interpretiert
nicht; hingegen zeigt er sein Interesse, stellt Fragen
oder wiederholt in seinen eigenen Worten, was er von den
Aussagen seines Klienten verstanden hat. Damit wird dem
Klienten die eigene Aussage zurückgespiegelt und bewusster
gemacht. Inwieweit der Klient daraus seine Schlussfolge-
rungen zieht, ist seine Sache.
- Das Allerwichtigste besteht darin, dass der Therapeut sich
mit seinem ganzen Herzen, mit Interesse und Liebe in die
Situation seines Klienten hineinzuleben versucht (dies im
Gegensatz zur üblichen Psychiatrie und Psychologie, die
auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen). Dieses Ein-
fühlungsvermögen in das Leben des andern wird "Emphatie"
genannt. Der Therapeut von Rogers begleitet den Klienten
auf seinem Weg, währenddem der traditionelle Therapeut
seinem Patienten lediglich den Weg weist.
In der Folge haben sich etliche Leute die Methode von Rogers
angeeignet, sowohl Psychiater und Psychologen als auch so-
genannte "Laien". Eigentlich kann jedermann mit dieser
Methode arbeiten, allerdings unter folgenden Voraussetzungen:
a) Der Wille zur Entwicklung des eigenen Einfühlungsvermögens
muss entwickelt werden.
b) Das Stellen von Informativfragen muss erlernt werden, Fragen,
die nichts andeuten, wie z.B.: Warum? Weshalb? Wie ging es
weiter? Was haben Sie weiter getan? Auch darf man nicht mo-
ralisieren.
c) Es ist unbedingt erforderlich, dass man den Klienten so ak-
zeptiert, wie er ist. Er muss trotz seiner Schwierigkeiten
als selbständiges und erwachsenes Individuum geachtet werden.
Es gibt heute rund 85 verschiedene Methoden bzw. Schulen, die
das Sensitivity Training lehren, Es ist deshalb schwierig, eine
allgemeingültige Definition oder Erklärung zu formulieren.
Immerhin kann man sagen, dass alle diese Schulen sich irgendwo
auf einer Linie befinden zwischen zwei Extremen, nämlich zwi-
schen dem absolut direktiven und dem nicht-direktiven Verhalten
des Therapeuten.

Direktiv Nicht-direktiv
Der Therapeut weiss, was dem Der Therapeut weiss vielleicht
Patienten fehlt und sagt ihm, etwas mehr, aber die Individua-
was er zu tun hat. Auch müs- lität muss respektiert werden.
sen die Abwehrmechanismen im Abwehrmechanismen werden beach-
Interesse des Patienten so tet, weil sie den Menschen vor
schnell wie möglich abgebaut Veberforderung schützen.
werden. j Der Therapeut geht einfühlend
Der Therapeut nimmt eine Va- als Freund mit auf den Weg.
terrolle ein; er zeigt den
Weg.
Gruppendynamik, wie sie von meinen NPI-Kollegen und mir betrie-
ben wird, basiert auf folgendem Menschenbild:
a) Der Mensch ist ein individuelles Wesen, das in seiner Bio-
graphie durch bestimmte Lebensphasen schreitet, wobei jede
Lebensphase ihre eigenen Gesetzmässigkeiten besitzt und Auf-
gaben stellt, die sich für jeden Menschen in einer individua-
lisierten Form zeigen. Allgemeine Interpretationen sind des-
halb nicht zulässig, wenn man nicht oberflächlich bleiben
will.
b) Es ist eine Tatsache, dass sich die Menschen gegenseitig
beeinflussen. Auch wer kein Therapeut ist, sollte sich
dessen bewusst sein. Das gilt auch für die Folgen, die aus
der gegenseitigen Beeinflussung für den andern resultieren.
Es geht primär nicht darum, ob wir uns als Therapeuten auf-
spielen dürfen oder nicht. Wichtig ist, WIE wir miteinander
umgehen oder - anders ausgedrückt - ob wir unseren Mitmen-
schen gegenüber als Kritiker oder als Helfer auftreten. Als
"Helfer" ist hier derjenige zu verstehen, der seinem Mit-
menschen hilft, seine eigenen biographischen Aufgaben zu
finden.
c) Jeder Mensch hat einen fundamentalen Anspruch auf Achtung
seiner Persönlichkeit, nicht nur in Worten, sondern auch in
Taten, unabhängig von Alter, Geschlecht, körperlicher Ver-
fassung und Rasse.
Dieses Menschenbild widerspiegelt sich in einer Methode, die
derjenigen von Rogers sehr nahe verwandt ist und sich dem
Nicht-Direktiven zuwendet.
- Wir sollten es vermeiden, einem Menschen zu sagen, er sei
so oder anders. Wollen wir einem Menschen einen Spiegel vor-
halten, dann sollte das durch Aufzeigen eines Entwicklungs-
konzeptes oder in Form eines modernen Märchens erfolgen, in
dem er sich selbst zurechtfinden kann, wenn er dazu bereit
ist. Auch hier gilt es, die menschliche Freiheit zu achten.
- Wir sollten einem Menschen lieber nicht sagen, was er unter-
nehmen soll; auch wenn er uns darum ersucht. Wenn trotzdem
ein Rat am Platze ist, dann in Form einiger Alternativen.
Damit kann er seine Wahl selbst treffen. Auch können wir
ihm helfen, die Konsequenzen der verschiedenen Alternativen
zu durchdenken.
- Wir müssen lernen zuzuhören: Wichtig ist nicht nur, was
unsere Mitmenschen sagen, sondern auch, wie sie es sagen
und was sie damit eigentlich meinen. Im Zweifelsfalle
stellen wir eine Rückfrage oder wiederholen die Aeusserung,
um zu sehen, ob wir richtig verstanden haben. Die eigene
Meinung ist einstweilen weniger wichtig.
9. Wer diese Form der Gruppendynamik wählen möchte, sollte fol-
gende Kriterien beachten:
- Nicht interpretieren, aber zurückspiegeln oder wenigstens
Alternativen aufzeigen
- Nicht den Psychiater spielen wollen, aber den normalen an-
genehmen menschlichen Kontakt suchen.
= Nicht in einem Spezialistenjargon sprechen
- Fragen statt sagen
- Einige gruppendynamische Uebungen kennen und damit arbeiten
können "
- Den Mut haben, andern Menschen zu helfen und dabei auch die
eigene Person zur Diskussion zu stellen. Nur dann kann sich
das Gespräch zwischen Klient und Trainer in einer fairen
und gerechten Situation abwickeln.
Aus meiner Erfahrung als Trainer darf ich sagen, dass es sich
lohnt, nach diesem Modell zu arbeiten.
H. J. ten Siethoff
Es Grand Clos
CH - 1083 MEZIERES VD
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