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Building the teacher's team

Author:
Hellmuth ten Siethoff
Original title:
Kollegiumsbildung
Type:
Syllabus
Language:
German
Year:
1981
Pages:
5
Subject:
anthroposophical aspects

“ KOLLEGIUMSBILDUNG
Immer wieder taucht in unseren Gesprächen über die Zukunft von La Branche
die Frage auf: "Was ist ein Kollegium und wie soll es funktionieren?"
Ich möchte aus meinen Erfahrungen ein paar Gedanken entwickeln, die uns ver-
anlassen können, weiter darüber zu sprechen. Ich werde absichtlich nicht
hinstellen, was Dr. Steiner etwa dazu gesagt haben könnte, weil ich hoffe,
dass wir zu eigenen Urteilen darüber kommen werden. In diesem Sinne sind
diese Zeilen auch nur als Denkanstoss zu sehen und nicht als letzte Wahrheiten.
Wenn man die Erscheinungen unserer Zeit richtig anschaut, so kann man an ihnen
ablesen, dass wir als individuelle Menschen vermehrt lernen müssen, zu selb-
ständigen Urteilen zu gelangen, zu solchen Urteilen, die nicht direkt aus
der Umwelt oder aus der Tradition übernommen sein sollten. Unsere Welt wird
so kompliziert, dass es nicht mehr möglich ist, für jede Lebenssituation eine
Regel aufzustellen. Wir können zwar Grundlinien oder Prinzipien haben; diese
müssen aber in jeder Situation jeweils neu interpretiert werden und dies
ruft nach dieser Fähigkeit, selbständig urteilen zu können.
In der Vergangenheit, wo die Welt noch viel statischer war als heute, konnten
solche Lebensregeln aufgestellt werden, die den Menschen für jede Lebenssitua-
tion bestimmte Richtlinien gaben. Wir erleben auch, dass die traditionellen
Führungsstrukturen heute nicht mehr funktionieren. So wie das alte Testament
abgelöst wurde von dem neuen Testament, so müssen auch alte Führungsstrukturen
von neuen abgelöst werden. Die ganze Welt sucht danach. Aber es ist eben
schwierig, Formen zu entwickeln, die noch nicht dagewesen sind.
Die Menschen, die sich bemühen zur anthroposophischen Geisteswissenschaft
Rudolf Steiners einen Zugang zu finden, haben in der Welt die Möglichkeit,
solche neue Führungsstrukturen zu bilden, welche wirklich Zukünftiges und
Fruchtbares in sich tragen. Eine solche neue Führungsstruktur ist eben das
"Kollegium".
Aus meiner Erfahrung möchte ich behaupten, dass es nicht so etwas wie ein
Standardmodel] eines Kollegiums gibt. Ich habe viele Formen kennengelernt.

Trotzdem gibt es bestimmte Grundprinzipien, die für so eine Kollegiums-
bildung einer anthroposophisch orientierten Gemeinschaft wichtig sind. Ich
möchte versuchen, diese folgendermassen darzustellen:
"Ein Kollegium ist eine Gruppe von Menschen, die aus einer Gesamtverantwortung
dem Wesen Anthroposophia gegenüber sich zusammengefunden und verbunden haben,
um eine praktische Erdenaufgabe zu erfüllen. Sie tun dies so, dass:
- sie gemeinsam eine spirituelle Arbeit leisten, damit auch eine gemeinsame
spirituelle Grundlage gefunden werden kann,
- gemeinsam das soziale Verständnis üben und auch
- den Willen üben, gemeinsam das gegenseitige Schicksal mitzutragen."
Zur spirituellen Arbeit: Da kenne ich sehr unterschiedliche Formen. Manchmal
wird am Anfang jeder Kollegiumssitzung ein Text von Rudolf Steiner gelesen;
andere Kollegien sprechen einen Spruch, wieder andere praktizieren eine ge-
meinsame Meditation. Auch ist es möglich, sich am Anfang oder am Ende frei
auszusprechen über dasjenige, was man gerade erlebt, erlebt hat oder hofft
zu erleben. Man sitzt im Kreise oder man steht, gibt sich die Hand oder auch
nicht. Vieles ist möglich. Jedes Kollegium wird seine eigene Form finden.
Zum sozialen Verständnis: Geübt soll das Zuhören, das Verstehen einer anderen
Denkströmung werden. Dies bedeutet, dass man sich ausspricht, wenn man einen
anderen nicht versteht, Fragen stellt, statt einfach nicht zu reagieren und
den Beitrag unter den Tisch fallen zu lassen. Auch kann geübt werden sich
)
auszusprechen über die Art und Weise wie man sich gegenseitig erlebt. Ferner
kann gewagt werden, den anderen zu spiegeln, damit dieser lernt, wahrzunehmen,
wie er wirkt. Das Ueben der Rückschau regelmässig am Ende der Sitzungen ist
dabei eine grosse Hilfe.
Zum Schicksal mittragen: Ich erlebe immer wieder, dass es dabei darum geht,
die Unannehmlichkeiten, die man durch den anderen empfindet, verdauen zu lernen,
dabei selber zu versuchen, so an seinen Schwächen zu arbeiten, dass sie den
anderen am wenigsten stören und den Mut haben, dem anderen zu helfen, seine
Schwächen zu überwinden.

=D -
Ein noch nicht genannter Aspekt ist derjenige der Zeit. Wie lange soll man
als individueller Mensch, der in der Entwicklung steht, in einem Kollegium
verbleiben? Nach meiner Erfahrung hängt die Beantwortung dieser Frage von
verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. von den Fragen
- wie lange man sich mit der bestimmten Aufgabe eines Kollegiums verbinden
will,
- wie lange es dauert, bis man die Konsequenzen seiner Entscheidungen aus-
baden muss,
- wie sich die soziale Konstellation entwickelt und welchen Einfluss dies
auf die Qualität der Zusammenarbeit hat.
Einerseits ist es wichtig, dass genügend Zeit in Anschlag gebracht wird, da-
mit sich Substanz entwickeln kann. Anderseits soll, nach meiner Meinung nach,
ein Kollegium auch nicht zu lange in der gleichen Konstellation zusammen-
bleiben. Zu starke Gewohnheitsbildung wird dadurch verhindert.
Oft erlebte ich Schwierigkeiten, wenn Menschen sowohl an sich selbst als auch
an andere zu hohe Ansprüche stellten in der Zusammenarbeit und dadurch dann
enttäuscht wurden, was wiederum zu Spannungen führte. Ich kam deshalb auf
folgende "Faustregel";
"DAS UNMOEGLICHE VERLANGEN, DAS MOEGLICHE TUN, UND
DAS UNZULAENGLICHE AKZEPTIEREN KOENNEN".
Wenn wir berücksichtigen, dass es bei der Kollegiumsbildung auch um das Ent-
wickeln der Urteilsfähigkeit geht, müssen wir uns die Gesetzmässigkeiten der
Urteilsbildung ins Bewusstsein heben. Das Urteil wird einerseits beeinflusst
vom Wahrnehmen und Vorstellen, anderseits von all dem, was aus unserem Willens-
leben kommt, dazu gehört auch das Triebhafte. Deshalb hängt ein richtiges Ur-
teil ab von einer richtigen Wahrnehmung, von sauberen Vorstellungen und von
dem Mass an Bewusstsein, das ich imstande bin zu häben von eben diesem Willens-
leben. In einem Kollegium, wie es hier verstanden wird, gibt es die schöne
Möglichkeit, sich gegenseitig zu helfen bei der Objektivierung der Wahrnehmungen
und Vorstellungen einerseits und beim Vorgang, durch den man sich gegenseitig
die Impulse, die aus dem Willen kommen, bewusst macht anderseits.

Ausserdem ist wichtig, dass die Gesetzmässigkeiten des Prozesses ins Bewusst-
sein gehoben werden, welche zu einem Urteil und dann zu einer Entscheidung
führen. Wir können dann beobachten, wie in diesem Prozess die ganze Erden-
entwicklung sich wiederholt. Wie jedes Gespräch mit der Saturnwärme an-
fangen muss.
Wenn jeder Teilnehmer nicht schon am Anfang des Gespräches den Willen hat,
bis zum Ende durchzuhalten, kommt nichts zustande.
Im zweiten Schritt können wir die Wiederholung der Vorgänge auf der alten Sonne
sehen. Licht und Dunkel müssen sichtbar werden. Jeder Teilnehmer muss einmal
an die Reihe kommen können. Jeder muss die Möglichkeit haben, SEINEN Beitrag
zum Gespräch zu leisten, indem er seine Ansichten, Meinungen und sonstigen
Informationen zur Verfügung stellt, aber ohne dass diese schon gewertet werden.
Das allerwichtigste in dieser Phase des Gesprächs ist, dass die Urteile zurück-
gehalten werden. Die Urteilsbildung, die darauf folgt, ist eine Wiederholung
des alten Mondes. Da tritt auch die Sündenfall-Problematik auf, denn um zu
einem richtigen Urteil zu kommen, muss jeder Mensch in seinem Innern sich mit
seinem eigenen Egoismus auseinandersetzen. Die Fragen, die man sich bei diesem
Vorgang stellen kann, sind:
- was muss unbedingt geschehen?
- was darf unbedingt nicht geschehen?
- was ist überhaupt nur möglich?
- was wäre schön, wenn es auch noch geschehen würde?
- was sind meine persönlichen Bedürfnisse und wie ehrlich bin ich?
- wo spielen bei mir Sympathie und Antipathie hinein?
-- warum nehme ich eigentlich an diesem Gespräch teil?
Wenn diese Fragen einigermassen ehrlich beantwortet worden sind - jeder sollte
sich diese Fragen stellen - dann darf das Urteil ausgesprochen werden. Oft muss
man drei Nächte darüber schlafen, manchmal muss sogar ein Urteil 7 Jahre mit-
getragen werden oder sogar noch länger, bevor es wirklich ausgereift ist.

Zum Schluss kommt die Entscheidung. Da sind wir auf der Erde. Das Urteil muss
sich inkarnieren. Aber das Mysterium von Golgatha muss sich auch wiederholen,
und zwar in jedem einzelnen Menschen. Dies bedeutet, dass jeder für sich, um
wirklich echt JA sagen zu können zu einer Entscheidung im kleinen einen
Leidensweg zu gehen auf sich nehmen muss. Er muss etwas opfern, damit die
Entscheidung Wirklichkeit werden kann.
Trifft man nur für sich als individueller Mensch eine Entscheidung, dann ist
dies oft weniger schwierig. Als Kollegium eine Entscheidung zu treffen und
sich daran zu halten hingegen, ist gar nicht so einfach, wie der Entscheid
in einer persönlichen Sache. Dies fordert ganz andere Kräfte und ganz andere
Anstrengungen.
Als letztes Element möchte ich noch dasjenige des Vebens womit man sich auf
das Leben nach dem Tode vorbereitet nennen. Denn auch die Elemente, die mit
dem nachtodlichen Dasein zu tun haben, gehören zu einer Kollegiumsbildung.
Der erste Schritt nach dem Tode ist, dass wir ein Panaromabewusstsein bekommen
und das ganze Leben wie ein Panorama, ohne Urteil vor uns stehen haben. So
sollten wir regelmässig auf unsere Taten, unsere Gespräche zurückschauen.
Danach kommt das Kamaloka. Jetzt werden unsere Taten gerichtet. Wir sollen
auch als Kollegium den Mut haben, selber unsere Taten zu "richten".
In der Sonnensphäre bekommen wir die Möglichkeit, uns vorzubereiten auf unser
neues Leben, unsere neuen Aufgaben. Auch als Kollegium muss man sich immer
wieder auf seine Aufgaben neu besinnen.
Die "Miternachtsstunde" macht uns bewusst, wie weit wir noch vom Endziel ent-
fernt sind und gibt uns die Kraft, wieder in eine neue Inkarnation unterzutauchen.
All dies können wir üben, wenn wir als Kollegium den Mut haben, uns auf dieser
Ebene zu begegnen.
Wie im Anfang gesagt, sollen diese Zeilen nur Denkanstösse sein, die jeder für
sich weiter ausarbeiten kann. Ich bin aber aus meiner Erfahrung darauf gekommen,
dass wir in der Anthroposophie einen Schlüssel haben, der uns den Zugang auf-
schliesst zu einer Kollegiumsbildung aus einem neuen, vertieften und erweiterten
Bewusstsein.
Savigny, Michaeli 1981 H.J.ten Siethoff